„Die Demokratie befindet sich in einer der tiefsten Krisen seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs“, schreiben Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey in ihrem jüngsten Buch. Und seit Jahren versuchen die beiden deutschen Soziologen, die an der Universität Basel lehren, zu ergründen, was die Ursachen für diese Krise sind.
Gefunden haben sie sehr viele Menschen, die enttäuscht, aber auch sehr wütend sind. Die das Gefühl haben, es wäre früher alles besser gewesen, sie bekämen nicht, was ihnen zusteht, sie würden bevormundet und von der Politik nicht gehört. Das haben sie den beiden Forschern in großen Umfragen und in ausführlichen Tiefeninterviews erzählt.
Das erste gemeinsame Buch von Amlinger und Nachtwey mit dem Titel „Gekränkte Freiheit“ erschien 2022 und beschrieb, wie sich viele Menschen während der Corona-Pandemie radikalisierten. Vor wenigen Monaten folgte die Studie „Zerstörungslust“, die mit dem Geschwister-Scholl-Preis ausgezeichnet wurde.
Der scheinbar paradoxe Untertitel des Buchs „Elemente eines demokratischen Faschismus“ hat Debatten und auch Kritik ausgelöst. Amlinger und Nachtwey beschreiben, weshalb immer mehr Menschen unser liberales demokratisches System zerstören wollen – im Namen einer angeblich „wahren Demokratie“. Und warum immer mehr Menschen von Politikern wie Donald Trump fasziniert sind – nicht trotz seiner offenen Aggressivität, sondern gerade wegen ihr.
Für die Ö1-Reihe „Im Gespräch“ habe ich Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey in Basel getroffen. Hier das Transkript zur Sendung:
Carolin Amlinger, Oliver Nachtwey, Sie haben ein Buch über sehr wütende, zornige Menschen geschrieben. Wie sind Sie auf diese Idee gekommen – haben Sie mit so vielen wütenden Menschen zu tun?

Carolin Amlinger: In gewisser Weise war das eine Fortsetzung auch unseres Nachdenkens über die Nebenfolgen unserer demokratischen und sehr freiheitlichen Gesellschaft, wie wir sie in „Gekränkte Freiheit“ begonnen haben. Dort haben wir uns mit Personen getroffen, die die Corona-Maßnahmen sehr kritisch gesehen haben und die auf der Grundlage dessen einen Generalverdacht gegen die Gesellschaft entwickelt haben und eben im Namen gerade der Freiheit gegen die demokratische Gesellschaft aufbegehrt haben.
Und das hat uns nicht ganz losgelassen, insbesondere auch das Moment der lustvollen Zertrümmerung oder des Beiseitewischens von sozialen Abhängigkeiten. Dieses Moment der Destruktivität hat uns auch durch die Realität wieder eingeholt. Mit einem Blick auf die USA – aber auch nach Deutschland – haben wir gerade gesehen, wie soziale Minderheiten, Migrantinnen verhöhnt wurden, ausgelacht wurden, ausgegrenzt wurden. Das war der Ausgangspunkt, nochmal weiter und tiefer nachzudenken, wie autoritäre Mentalitäten in unserer demokratischen Gesellschaft entstehen.
Jetzt war die Corona-Pandemie natürlich ein ganz besonderer Einschnitt, aber ist diese Aggressivität grundsätzlich neu? Der Philosoph Peter Sloterdijk hat vor knapp 20 Jahren einen berühmten Essay über Zorn als politische Kraft geschrieben. Und Stéphane Hessel hat kurz danach sein populäres Pamphlet „Empört euch!“ veröffentlicht. Sind Wut und Frust und Zorn als politische Kraft neu?
Oliver Nachtwey: Ganz und gar nicht. Die gesamte Geschichte westlicher Demokratien – und möglicherweise auch nicht westlicher Demokratien – wird häufig getrieben von politischen Emotionen. Die Frage ist ja: Worauf richtet sich der Zorn oder wogegen richtet sich der Zorn? Wir kennen ja auch Formen linker Destruktivität. Die deutsche Anarcho-Band Ton Steine Scherben hat in den 1970er Jahren gesungen: „Mach kaputt, was euch kaputt macht“. Das war aber ein Zorn, der sich gegen bestimmte Formen von illegitimer Herrschaft, von grundsätzlicher Ungleichheit gerichtet hat. Deshalb kann Zorn auch in der ArbeiterInnen-Bewegung erst mal ja auch eine Kraft sein, die etwas Positives bewirkt.
Es geht also nicht um den Zorn an sich, sondern es geht wirklich um den Zorn, der ganz stark darauf gerichtet ist, Errungenschaften der Demokratie, Errungenschaften von Gleichbehandlung zu zerstören. Diese Verbindung ist auch nicht ganz neu, aber zumindest ist sie in dieser Kombination etwas Neues nach dem Zweiten Weltkrieg. Das war die Frage, die uns so beschäftigt hat: Warum sind Menschen so zornig in diesen Gesellschaften, die eigentlich Freiheitsgrade und Wohlstandsgrade ungekannten Ausmaßes erreicht haben?
Nun gibt es in Ihren Interviews mit diesen zornigen Menschen einen durchaus interessanten Widerspruch: Die Leute, mit denen Sie gesprochen haben, würden nämlich energisch bestreiten, dass sie die Demokratie zerstören wollen. Ganz im Gegenteil: Sie sagen, sie sind die wirklichen Demokraten und Sie wollen eine wahre Demokratie. Wie passt das zusammen?
Ich fand
