Der bulgarische Politikwissenschafter Ivan Krastev ist einer der originellsten und gefragtesten Analytiker der Weltpolitik. Er berät Staats- und Regierungschefs, kennt Wladimir Putin, schreibt regelmäßig Kolumnen für Financial Times und New York Times und ist Autor weltweit beachteter Bücher.
Seit vielen Jahren lebt und arbeitet der 61-Jährige in Wien am Institut für die Wissenschaft vom Menschen (IWM), das er interemistisch auch leitet.
Für die Ö1-Reihe „Im Gespräch“ habe ich Ivan Krastev gebeten, mir die Welt zu erklären. Wir haben über den Krieg in der Ukraine gesprochen, über Putin und Trump, über Politik als Zustelldienst, Parteien als Zeitmaschinen und Krieg als Videospiel, über eine norwegische Fernsehserie, vegetarischen Kannibalismus und über Unsterblichkeit.
Das englischsprachige Original dieses Gesprächs, das wir Anfang Juni aufgezeichnet haben, gibt es als Podcast-Version (1h20min) und als Transkript. Im Folgenden die übersetzte Abschrift der 52-minütigen Radiosendung:
Ivan Krastev, ich habe ein recht bescheidenes Ziel für unser Gespräch. Ich würde am Ende gerne die Welt ein bisschen besser verstehen. Und Europa. Können Sie mir dabei helfen?
Mit Vergnügen. Weil ich mir damit auch selber helfe. Denn um ehrlich zu sein, bin ich mir nicht sicher, dass ich sie verstehe. (lacht)
In den vergangenen Jahren wurde immer wieder ein Satz aus Shakespeares Hamlet zitiert: „Die Welt ist aus den Fugen.“ Das scheint ein Gefühl zu beschreiben, das sehr viele Menschen teilen. Und Sie werden sehr oft gebeten, diese Zeit zu erklären – von führenden Medien wie der New York Times über Regierungschefs – und heute von mir. Aber warum eigentlich Sie? Woher wissen Sie, was aus den Fugen geraten ist und warum?
Nun, darauf können Sie eine scherzhafte Antwort haben: Ich komme aus einem Land, das wahrscheinlich mehr Wahrsager pro Kopf hat als jedes andere Land der Welt. Wahrscheinlich ist das ein Grund. Aber ernsthaft gesprochen glaube ich gar nicht, dass das so viel mit meiner Person zu tun hat. Es hat mehr damit zu tun, dass ich zu einer Generation gehöre, deren eigene Biografie durch einen radikalen Umbruch geprägt wurde. Das ist etwas anderes, als einfach nur Dinge zu wissen. Es geht darum, eine Erfahrung gemacht zu haben, die vielleicht dabei hilft, eine Welt zu verstehen, die sich vor unseren Augen gerade dramatisch verändert.
Stellen Sie sich mal vor, wie schnell sich 1989 die Welt für einen 24-, 25-jährigen Bulgaren verändert hat – die Geschwindigkeit dieses Wandels: Dass man am Freitag nicht mehr glauben kann, was man am Montag noch gedacht hat. Dass grundlegende Annahmen, nach denen die Welt funktioniert hatte, plötzlich in Frage gestellt wurden. Ich glaube, das hilft einem, wenn man über eine Welt sprechen soll, die sich rasant verändert. Wahrscheinlich ist das einer der Gründe, warum Menschen sich für jemandem wie mich interessieren.
Greifen wir auf diese Erfahrung zurück. In einer viel diskutierten Rede in Davos hat der kanadische Premierminister Mark Carney heuer gesagt: „Wir befinden uns mitten in einem Bruch, nicht in einem Übergang.“ Was genau zerbricht da gerade – oder ist bereits zerbrochen?
„Die Welt, wie wir sie kennen, gibt es nicht mehr.“ weiterlesen


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