Heute geht es um ein Gespräch, auf das ich mich seit langem gefreut habe: Ich habe Barbara Coudenhove-Kalergi getroffen, die große Journalistin und Osteuropa-Kennerin und eine Frau, die ich schon sehr lange bewundere.
Ich kenne Barbara seit dem 18. November 1989. Am Vorabend war ich – als 23jähriger ORF-Radioreporter – in Prag eingetroffen, um über die Demonstrationen zu berichten, die dort wenige Tage nach dem Fall der Berliner Mauer begonnen hatten. Barbara Coudenhove war schon da. Sie war damals bereits eine legendäre ORF-Korrespondentin, spätestens seit ihren monatelangen Berichten aus Polen vom Aufstand der Solidarność und der Verhängung des Kriegsrechts 1980/81.
Unter den hunderttausenden Demonstrant·innen in Prag war Barbara ein Star. Ständig wurde sie auf der Straße angesprochen, viele Tschechoslowak·innen sahen damals ORF und bedankten sich bei der berühmten Korrespondentin für ihre Arbeit.
Auch ich kannte sie damals nur aus dem Fernsehen. Aber selten hat mich ein·e Kolleg·in so freundlich und hilfsbereit aufgenommen. Barbara war in Prag buchstäblich zuhause. Sie wurde dort 1932 in eine deutsch-böhmische Adelsfamilie geboren und ist bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs in der tschechischen Hauptstadt aufgewachsen.
Nach der „Samtenen Revolution“ und dem Sturz des KP-Regimes wurde sie ORF-Korrespondentin in Prag, bis zu ihrer Pensionierung. Seither lebt Barbara Coudenhove-Kalergi wieder in Wien. Sie ist mittlerweile 94 und noch immer hellwach und topinformiert. Bis vor kurzem gab sie regelmäßig Deutschkurse für Migrant·innen und schrieb im STANDARD eine Kolumne.
Und was mich bis heute an ihr fasziniert, ist ihre unentwegte zugewandte Neugier. Viel lieber, als von sich und aus ihrem faszinierenden Leben zu erzählen, fragt sie ihr Gegenüber, was es Neues gibt: im Leben, in der Politik, im ORF.
Seit ich wusste, dass ich für die Ö1-Reihe „Im Gespräch“ arbeiten darf, war mir klar, dass ich eines meiner ersten Gespräche mit Barbara Coudenhove-Kalergi führen möchte. Jetzt war es endlich soweit – hier das Transkript dieser Sendung (eine ca. 15 min längere Version gibt es hier als eigenen Podcast):
Liebe Barbara, wir kennen uns schon sehr lange, deshalb duzen wir uns auch ausnahmsweise in dieser Sendung. Du sagst von dir selbst schon lange, du wärst „steinalt“. Vor wenigen Wochen bist du 94 geworden. Wie geht’s dir?
Erstaunlich gut. Ich sage immer: Altsein ist ein Beruf. Und jemand hat dazu gesagt: Was heißt Beruf, das ist ein Hochleistungssport. Ich wundere mich, dass ich noch lebe, aber es ist soweit alles in Ordnung.
Du hast fast hundert Jahre Geschichte erlebt und ich würde mit dir gerne über zwei große Themen sprechen, nämlich über die Frage, ob und was wir aus der Geschichte lernen können – und über Identität, eine Frage, die dich schon sehr lange beschäftigt. Und damit würde ich auch gerne beginnen.
Du hast ja eine sehr wechselvolle Biografie. Wenn dich heute jemand fragt, woher du eigentlich kommst, was antwortest du da?

Ich fand
